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„Wie konnte das passieren?“

 

Raumluft-Belastung in öffentlichen Räumen – ein ewiges Ärgernis und wie man es leicht vermeidet

 

Oft ist, wie jetzt in Brühl, von belasteter Raumluft in neu eröffneten Kindergärten oder Schulen zu lesen. Die ungesunde Raumluft kommt von belasteten Materialien, die dort verbaut wurden und dann ausdünsten.. Ist das Kind erst in den Brunnen gefallen, gibt es ein Riesentheater und keiner will es gewesen sein. Zwar kann durch Gutachten die Belastung der Raumluft festgestellt; der Verursacher jedoch nur selten eindeutig zugeordnet werden. Die Folgen: Wut-Eltern-Versammlungen, auf denen die Verantwortlichen immer doof aussehen, erhebliche Verzögerungen im Nutzungsbeginn, Ersatzräume suchen, teure Sanierung eines Neubaus, die niemand bezahlen will,

 

Dabei kann sich der Bauherr, in der Regel die Kommune, sehr einfach und preiswert dagegen schützen, ein belastetes Gebäude geliefert zu bekommen und dann „clean“ machen zu müssen. So habe ich es zum Beispiel in der Praxis gemacht:

 

Schon im Ausschreibungstext werden alle, die etwas in das Gebäude hineinliefern und dort verbauen, darauf verpflichtet, nur zertifizierte Materialien und Materialsysteme zu verwenden (z.B. Produkte mit dem Zeichen „Blauer Engel“), die keine Raumluftbelastung und auch sonst keine gesundheitlichen Belastungen verursachen. Wer auf sein Angebot hin den Zuschlag erhält, muss dies durch Vorlage entsprechender Produktdatenblätter und Bescheinigungen VOR Einbau und Verwendung der Materialien nachweisen. Auch solche Materialien, die nach dem Verbau Kontakt zueinander haben, (z.B. Linoleum-Fußboden, der Fußbodenkleber, der Untergrund, auf den geklebt wird) müssen für ihre chem. Reaktion aufeinander eine Unbedenklichkeitsbescheinigung nachweisen. Das sind die sogenannten Systemzertifkate, die immer zu bevorzugen sind. Denn auch wenn die einzelnen Stoffe jeder für sich unproblematisch sind, können sie durch Kontakt zueinander schädliche Dämpfe entwickeln.

 

Oft sind solche Baumaterialien betroffen, die man nach Fertigstellung als Nutzer des Gebäudes sieht, also Deckenplatten, Wände, Farben, Fußbodenbeläge, Türen etc. Die meisten Hersteller guter Produkte haben sich darauf schon lange eingestellt und die Nachweise für die Unbedenklichkeit fix und fertig in der Schublade.

 

Soweit ein betroffenes Gewerk am Bau fertiggestellt wird, muss der Raumluftgutachter ran und messen. Die Raumluft wird gemessen, nachdem der Fußbodenverleger tätig war und bevor der Anstreicher in Aktion tritt etc. Dann wird wieder gemessen, wenn der Anstreicher fertig ist. So kann einigermaßen zuverlässig der Verursacher ermittlt werden.

 

Zum Schluss, vor der Übergabe des Gebäudes, wird nochmal gemessen und dokumentiert. Wichtig ist, dass dies im LEEREN Kindergarten geschieht, denn oft sind es „nur“ die Möbel, die ungesunde Ausdünstungen produzieren. Verantwortungsvolle Kindergartenbetreiber planen eine Ausdünstungs- und Lüftungszeit für die Möbel von drei bis vier Wochen, in denen die neuen Möbel im gut durchlüfteten Kindergarten stehen, bevor die Kinder kommen. Nach Lieferung der Möbel, die ausgepackt und belüftet wurden (oft kommen die Ausdünstungen auch nur vom Verpackungsmaterial und nicht vom Inhalt)), wird nochmals eine Raumluftmessung durchgeführt. Und wenn dann alles ok ist, können die ersten Kinder kommen.

 

Mit diesem Vorgehen wird nicht nur sichergestellt, dass der unmittelbare Verursacher der Ausdünstungen vor der Inbetriebnahme ermittelt werden kann. Es kann bei Bedarf auch noch schnell gegengesteuert werden. Auf alle Fälle haben alle Baubeteiligten so alles getan, um einen gesunden Kindergarten anzubieten.

 

Und um ganz sicher zu gehen, lässt man, lange bevor der Kindergarten gebaut wird, am vorgesehenen Standort noch eine Elektrosmogmessung vornehmen, falls Hochspannungsleitungen oder Mobilfunk-Sendemasten in der Nähe sind. Ich konnte damit für kleines Geld an einem Kindergartenstandort manche Sorgen zerstreuen, denn die vom Aachener Fachbüro gemessene Belastung am Platz der späteren Gruppenräume entsprach der eines Radioweckers auf dem Nachttisch im Schlafzimmer!

 

Das ganze Procedere, wie es oben beschrieben ist, ist für ca. 15.000 Euro zu haben. Gemessen an den Gesamtinvestitionskosten eines sechsgruppigen Kindergartens von ca. 1,5 Mio. Euro entspricht dies 1 % der Baukosten und kostet auf jeden Fall nur ein Bruchteil dessen, was aufgewendet werden muss, wenn die Ausdünstungen erst nach Fertigstellung festgestellt werden.

 

Dieses Verfahren läßt sich natürlich nicht nur auf Kindergärten und Schulen, sondern auf alle Gebäude anwenden, in denen sich nach der Eröffnung dauerhaft Menschen aufhalten. Es sollte einfach so selbstverständlich dazu gehören wie Baugrunduntersuchung, Blower-Door-Test und die Kanalbefahrung der Grundleitungen.

 

Ich empfehle allen Kommunen , das o.g. Vorgehen in Form von verbindlichen Richtlinien für die Ausschreibung von öffentlichen Gebäuden zu beschließen.  Denn wer steht schon gern als Depp vor der Elternversammlung und lässt sich fragen:  Wie konnte das passieren?